Arts+Health
In Zürich soll Kunst künftig stärker Teil medizinischer Ausbildung, Forschung und Therapie werden. Die Initiative «Arts+Health» will Wissenschaft und Kultur enger miteinander verbinden.
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Ann Demeester, Direktorin Kunsthaus Zürich.
Zürich entdeckt die Heilkraft der Kunst. Nicht in den Ateliers der Limmatstadt, sondern mitten im medizinischen Alltag: wenn angehende Ärztinnen und Ärzte im Kunsthaus lernen, genauer hinzusehen; wenn Jugendliche in psychiatrischen Kliniken durch Farben und Formen wieder Zugang zu sich selbst finden; wenn Tanz Menschen mit Parkinson stärkt. Selbst Architektur erscheint plötzlich nicht mehr nur als gebaute Umgebung, sondern als Faktor für Heilung und Wohlbefinden.
Was lange wie zwei getrennte Welten wirkte – hier die evidenzbasierte Medizin, dort die autonome Kunst –, rückt in Zürich zunehmend zusammen. Treiber dieser Entwicklung ist die Universitäre Medizin Zürich (UMZH), die Kunst, Kultur und Gesundheitswissenschaften enger verknüpfen will.
Im Zentrum stehen Menschen: ihre Körper, ihre Erfahrungen, ihre Veränderungen. Arts+Health verbindet Perspektiven – für ein ganzheitliches Verständnis von Gesundheit.
Unterschiedliche Perspektiven zusammenführen
Unter dem Titel «Arts+Health» entsteht derzeit eine Plattform, die den Austausch zwischen Medizin und Kunst dauerhaft fördern soll. «Fortschritte erwachsen besonders dort, wo unterschiedliche Perspektiven, Denkweisen und Erfahrungen zusammentreffen», sagte Beatrice Beck Schimmer, Direktorin der UMZH, an der Auftaktveranstaltung Mitte Mai im Kunsthaus Zürich.
Konkret werden soll die Zusammenarbeit unter anderem in der medizinischen Ausbildung. Geplant ist ein Lehrmodul im sogenannten Mantelstudium, das unter der Leitung der UZH-Psychiatrieprofessorin Susanne Walitza entwickelt wird. Beck Schimmer würdigte auch jene, die das Projekt massgeblich vorangetrieben haben, darunter Johann Steurer, emeritierter Professor für Innere Medizin der Universität Zürich, und Ann Demeester, Direktorin des Kunsthauses Zürich.
Das Interesse war gross: Rund 350 geladene Gäste aus Wissenschaft, Kultur, Politik und Gesundheitswesen nahmen teil. Durch den Abend führte Kurt Aeschbacher. Die zahlreichen Beiträge machten deutlich, dass «Arts+Health» nicht bei Absichtserklärungen stehen bleiben soll. Vorgestellt wurden konkrete Projekte aus Medizin, Psychiatrie, Tanz, Architektur und Kultur – verbunden durch die Frage, wie Kunst Gesundheit, Wahrnehmung und zwischenmenschliche Erfahrung beeinflussen kann.
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Jacqueline Fehr, Regierungsrätin und Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern.
Gesundheit weiterdenken
Regierungsrätin Jacqueline Fehr verwies auf Erfahrungen mit Kunsttherapie im Strafvollzug. Besonders Musik könne Empathie und Selbstwahrnehmung fördern. Zugleich warnte sie davor, Kultur auf ihren gesellschaftlichen Nutzen zu reduzieren. Ihre Stärke liege gerade in ihrer Freiheit. Ähnlich argumentierte Andreas Hauri. Der Zürcher Gesundheitsvorsteher plädierte dafür, Gesundheit nicht allein medizinisch zu verstehen, sondern auch sozial und kulturell. Kunst sei keine dekorative Ergänzung, sondern Teil menschlicher Fürsorge.
Wie eng Kunst und Medizin bereits zusammenarbeiten, zeigte Ann Demeester anhand internationaler Beispiele. An der Radboud University in den Niederlanden fliessen künstlerische Methoden inzwischen in die Ausbildung von Medizinerinnen und Medizinern ein, um Wahrnehmung, Empathie und Kommunikation zu schärfen. Kunst wirke dabei «wie ein Katalysator», sagte Demeester.
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Clare Guss-West (l.) und Nadine Schwarz vom Opernhaus Zürich mit Kurt Aeschbacher.
Wenn Kunst Teil der Therapie wird
Dass solche Ansätze längst praktisch erprobt werden, zeigte sich auch in mehreren Zürcher Projekten. Clare Guss-West und Nadine Schwarz vom Opernhaus Zürich stellten ein Tanzprogramm für Menschen mit Parkinson oder Multipler Sklerose vor. Susanne Walitza berichtete vom Kriseninterventionszentrum «Life», wo suizidgefährdete Jugendliche Kunst- und Tanzworkshops besuchen. Die Teilnehmenden gaben dem Projekt selbst den Namen «art.in».
Bernard Sabrier, Gründer der Stiftung Children Action und Unterstützer des Genfer Präventionsprojekts «Malatavie», sprach über die Kraft ästhetischer Erfahrungen in psychischen Krisen. Kunst eröffne Zugänge, die klassische Therapien oft nicht erreichten. Besonders eindrücklich schilderte er die Begegnung einer Jugendlichen mit einem Kunstwerk. «Genau so fühle ich mich», habe sie gesagt. In solchen Momenten werde innerer Schmerz überhaupt erst greifbar.
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Prof. Susanne Walitza, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich.
Die Wirkung von Räumen
Zum Schluss weitete sich der Blick noch einmal. Anna Lisa Martin-Niedecken stellte Forschungsprojekte der Zürcher Hochschule der Künste vor. Anschliessend diskutierten die ETH-Professorinnen Rosa Barba, An Fonteyne und Anna Puigjaner darüber, wie Architektur und Räume auf Menschen wirken – und wie sie Heilung, Konzentration oder Wohlbefinden beeinflussen können.
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Prof. An Fonteyne, ETH Zürich.
Text: Marita Fuchs
Fotos: Frank Brüderli
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